Meine These, dass die bewusste Ich-Auflösung das evolutionäre Potential des Alterns ist, gehört mit zu den am meisten hinterfragten Aspekten meines Verständnisses einer Transpersonalen Gerontologie, so dass ich mich hier einigen zentralen Begriffen zuwenden möchte:
In meiner beruflichen Praxis als Fallsupervisorin in der Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz habe ich ein Phänomen beobachten, bezeugen und studieren können, dass ich die "unbewusste Ich-Auflösung" nenne, und ich bitte jede/n die/der in diesem Feld professionell tätig ist (für pflegende Angehörige ist das wegen der persönlichen Beziehung oftmals wesentlich schwieriger), diese These aufzunehmen und zu überprüfen:
Wenn der Prozess einer zunehmenden Desorientierung über einen langen Zeitraum bezeugt werden kann, ist darin eine immer geringer werdende Ich-Konstruktion zu bemerken - der Mensch vergisst auf der Ebene des Alltagsbewusstseins die Geschichte des eigenen Ichs immer mehr - wenn auch nicht vollständig. Dies gilt nur für die Ebene des Alltagsbewusstseins, nicht für eine Betrachtung aus spiritueller Perspektive.
Symptome können folgende sein (u.a.):
Das Phänomen an sich, die zunehmende Auflösung der (personalen) Identität, des personalen Ich, ist jedoch nicht Negatives, sondern es beschreibt das, was in einem Prozess der Bewusstseinsentwicklung, der bisher hauptsächlich von den sogenannten fernöstlichen spirituellen Traditionen beschrieben wurde, tatsächlich geschieht. Im westlichen Kontext wird es oft mit dem Begriff der Ich-Transzendenz beschrieben, was aber nach meiner Erfahrung die Herausforderungen, die mit einem derartigen Prozess verbunden sind, nur unzureichend wiedergibt und die "rohe Erfahrung" eines derartigen Transformationsprozesses kaschiert. Ich-Transzendenz mag der Anfang sein, doch die darunterliegende Erfahrung ist eine Auflösung, wie ich es selbst erfahren habe - und in anderen Quellen auch beschrieben finde (wie z.B. im von mir immer wieder als wichtige Quelle herangezogenen Buch "The End of Your World" von Adyashanti. Aber auch andere spirituelle Lehrer werden immer transparenter darin, dass ihr eigener Transformationsprozess nicht einfach eine Transzendenzerfahrung war, sondern zum Teil über Jahre extrem herausfordernd - mit Symptomen, die Demenz-ähnlich sind, wie nicht nur ich es erfuhr.
"Stirb, bevor Du stirbst" - das ist die Qualität der Erfahrung, auf die ich mich beziehe.
Das Sterben der personalen Identität und, nach der Integration dieses Transformationsprozesses, die "Auferstehung" einer anderen, bewussteren Identität, die ich als transpersonale Identität, als Wir-Identität oder als Höheres Selbst bezeichne - das ist nach meinem heutigen Verständnis das, wofür das Altern als die längste Lebensphase unseres biologischen Seins (ab 50/ 60 Jahre) da ist.
Das ist ein weiterer Begriff, der viel hinterfragt wird - was meine ich mit evolutionärem Potential des Alterns?
Welchen Zweck hat das Altern im Kontext der menschlichen Existenzerfahrung?
Embryo, Fötus, Kindheit, Jugend - diese Entwicklungsphasen dienen dem Wachstum eines Menschen, der Entfaltung aller biologischen, materiellen und vitalen Potentiale, die in dem jeweiligen
Menschen angelegt sind.
Erwachsenenalter, frühes, mittleres und "reifes" dienen - so wir es als Menschheit bisher weitgehend entwickelt haben - der Entfaltung des mentalen, aber auch des emotionalen Potentials, das in
uns jeweils angelegt ist (und diese Potentiale sind nie zu dem eines anderen Menschen identisch, wir sind wirklich alle "Individuen"), und der Weitergabe des Lebens und der Möglichkeiten, die
eigenen Potentiale zu entwickeln, an andere Individuen.
Aber das Alter, das ich in den 50 bis 60er Jahren als beginnend ansehe, also die Phase, wenn die Reproduktionsfähigkeit erlischt oder zumindest abnimmt, und ebenso die Körperkräfte und damit die Mittel, diese Welt mit den Händen selbständig zu gestalten, ebenso abnehmen - welchen Sinn hat diese Phase? Ist es wirklich nur die Unterstützung der vorherigen Generation zur Bewahrung des eigenen Genpools, wie die Großmutter-Hypothese suggeriert? Wohl kaum, ihre Aussagekraft beschränkt sich insgesamt hauptsächlich auf die Beziehung zwischen Töchtern, die Kinder bekommen, und ihre Mütter, die sie dabei unterstützen. Sie ist nicht gültig für Mütter von Söhnen und für Väter im Allgemeinen. Und auch andere Theorien, die den evolutionären Sinn des Alterns versuchen zu erklären, haben nach meinem Verständnis nur eine sehr limitierte Aussagekraft.
Nach meinem Verständnis - genährt aus eigener persönlicher Erfahrung, aus meinem gerontologischen Fachwissen über das Altern, aus meinen beruflichen Erfahrungen mit dem Altern und aus der Lektüre
vieler Studien und Schriften über (spirituelle) Bewusstseinsentwicklung sowie neurowissenschaftliche Bewusstseinsforschung - dient das Altern der Bewusstseinsentwicklung über den Verstand hinaus,
der Entwicklung von Bewusstsein von Bewusstsein, von Metabewusstsein oder höherem spirituellen Bewusstsein, wie es z.B. Sri Aurobindo beschreibt. Und wenn ich dies konsequent zu Ende denke, dann
ist das sogenannte spirituelle Erwachen Teil des evolutionären Potentials des Alterns.
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