Bewusste Ich-Auflösung als evolutionäres Potential des Alterns

Meine These, dass die bewusste Ich-Auflösung das evolutionäre Potential des Alterns ist, gehört mit zu den am meisten hinterfragten Aspekten meines Verständnisses einer Transpersonalen Gerontologie, so dass ich mich hier einigen zentralen Begriffen zuwenden möchte:

Un-bewusste Ich-Auflösung

In meiner beruflichen Praxis als Fallsupervisorin in der Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz habe ich ein Phänomen beobachten, bezeugen und studieren können, dass ich die "unbewusste Ich-Auflösung" nenne, und ich bitte jede/n die/der in diesem Feld professionell tätig ist (für pflegende Angehörige ist das wegen der persönlichen Beziehung oftmals wesentlich schwieriger), diese These aufzunehmen und zu überprüfen:

 

Wenn der Prozess einer zunehmenden Desorientierung über einen langen Zeitraum bezeugt werden kann, ist darin eine immer geringer werdende Ich-Konstruktion zu bemerken - der Mensch vergisst auf der Ebene des Alltagsbewusstseins die Geschichte des eigenen Ichs immer mehr - wenn auch nicht vollständig. Dies gilt nur für die Ebene des Alltagsbewusstseins, nicht für eine Betrachtung aus spiritueller Perspektive.

 

Symptome können folgende sein (u.a.):

  • Das Selbsterleben als eine immer jüngere Version des vorherigen Ichs.
  • Das Vergessen von Informationen, die an "ältere" Versionen des Ichs geknüpft waren.
  • Damit verbunden das zunehmende Vergessen der eigenen Geschichte.
Die Szene in einem Lehrfilm über Integrative Validation, in dem ein alter Mann, mit seinem eigenen Namen angesprochen, sagt: "Damit habe ich nicht mehr viel zu tun." ist für mich ein Beispiel für diese Entwicklung, die ich vielfach in anderen Ausdrucksformen bezeugen konnte. 
Das "Ich" wird immer durchsichtiger und schwächer, während Anteile des "Ego", also präpersonale Anteile, Schattenthemen, unerlöste Traumata oftmals sehr lange erhalten bleiben - auch dafür habe ich zahlreiche Beispiele gewinnen können, insbesondere in meiner Arbeit als Fallsupervisorin in einer Pflegeoase, wo wir uns oft fragten, warum manche Menschen mit Demenz so lange leben, wenn wir doch kaum noch Antriebe in ihnen wahrnehmen konnten. Sie alle hatten noch mindestens einen Trigger, der anzeigte, dass etwas in ihnen nicht integriert war und verhinderte, dass sie selbst auf dieser sehr sehr unbewussten Ebene vom materiellen Leben loslassen konnten (z.B. traumatische Erfahrungen als Kind während der Flucht im zweiten Weltkrieg).
Dies nenne ich die "unbewusste Ich-Auflösung".

Bewusste Ich-Auflösung

Das Phänomen an sich, die zunehmende Auflösung der (personalen) Identität, des personalen Ich, ist jedoch nicht Negatives, sondern es beschreibt das, was in einem Prozess der Bewusstseinsentwicklung, der bisher hauptsächlich von den sogenannten fernöstlichen spirituellen Traditionen beschrieben wurde, tatsächlich geschieht. Im westlichen Kontext wird es oft mit dem Begriff der Ich-Transzendenz beschrieben, was aber nach meiner Erfahrung die Herausforderungen, die mit einem derartigen Prozess verbunden sind, nur unzureichend wiedergibt und die "rohe Erfahrung" eines derartigen Transformationsprozesses kaschiert. Ich-Transzendenz mag der Anfang sein, doch die darunterliegende Erfahrung ist eine Auflösung, wie ich es selbst erfahren habe - und in anderen Quellen auch beschrieben finde (wie z.B. im von mir immer wieder als wichtige Quelle herangezogenen Buch "The End of Your World" von Adyashanti. Aber auch andere spirituelle Lehrer werden immer transparenter darin, dass ihr eigener Transformationsprozess nicht einfach eine Transzendenzerfahrung war, sondern zum Teil über Jahre extrem herausfordernd - mit Symptomen, die Demenz-ähnlich sind, wie nicht nur ich es erfuhr.

 

"Stirb, bevor Du stirbst" - das ist die Qualität der Erfahrung, auf die ich mich beziehe.

 

Das Sterben der personalen Identität und, nach der Integration dieses Transformationsprozesses, die "Auferstehung" einer anderen, bewussteren Identität, die ich als transpersonale Identität, als Wir-Identität oder als Höheres Selbst bezeichne - das ist nach meinem heutigen Verständnis das, wofür das Altern als die längste Lebensphase unseres biologischen Seins (ab 50/ 60 Jahre) da ist.


Evolutionäres Potential

Das ist ein weiterer Begriff, der viel hinterfragt wird - was meine ich mit evolutionärem Potential des Alterns?

Welchen Zweck hat das Altern im Kontext der menschlichen Existenzerfahrung?

Embryo, Fötus, Kindheit, Jugend - diese Entwicklungsphasen dienen dem Wachstum eines Menschen, der Entfaltung aller biologischen, materiellen und vitalen Potentiale, die in dem jeweiligen Menschen angelegt sind.

Erwachsenenalter, frühes, mittleres und "reifes" dienen - so wir es als Menschheit bisher weitgehend entwickelt haben - der Entfaltung des mentalen, aber auch des emotionalen Potentials, das in uns jeweils angelegt ist (und diese Potentiale sind nie zu dem eines anderen Menschen identisch, wir sind wirklich alle "Individuen"), und der Weitergabe des Lebens und der Möglichkeiten, die eigenen Potentiale zu entwickeln, an andere Individuen.

 

Aber das Alter, das ich in den 50 bis 60er Jahren als beginnend ansehe, also die Phase, wenn die Reproduktionsfähigkeit erlischt oder zumindest abnimmt, und ebenso die Körperkräfte und damit die Mittel, diese Welt mit den Händen selbständig zu gestalten, ebenso abnehmen - welchen Sinn hat diese Phase? Ist es wirklich nur die Unterstützung der vorherigen Generation zur Bewahrung des eigenen Genpools, wie die Großmutter-Hypothese suggeriert? Wohl kaum, ihre Aussagekraft beschränkt sich insgesamt hauptsächlich auf die Beziehung zwischen Töchtern, die Kinder bekommen, und ihre Mütter, die sie dabei unterstützen. Sie ist nicht gültig für Mütter von Söhnen und für Väter im Allgemeinen. Und auch andere Theorien, die den evolutionären Sinn des Alterns versuchen zu erklären, haben nach meinem Verständnis nur eine sehr limitierte Aussagekraft.

 

Nach meinem Verständnis - genährt aus eigener persönlicher Erfahrung, aus meinem gerontologischen Fachwissen über das Altern, aus meinen beruflichen Erfahrungen mit dem Altern und aus der Lektüre vieler Studien und Schriften über (spirituelle) Bewusstseinsentwicklung sowie neurowissenschaftliche Bewusstseinsforschung - dient das Altern der Bewusstseinsentwicklung über den Verstand hinaus, der Entwicklung von Bewusstsein von Bewusstsein, von Metabewusstsein oder höherem spirituellen Bewusstsein, wie es z.B. Sri Aurobindo beschreibt. Und wenn ich dies konsequent zu Ende denke, dann ist das sogenannte spirituelle Erwachen Teil des evolutionären Potentials des Alterns.

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